Seima: Das verlassene Dorf – Ruinen, Mahlsteine und die Stille eines aufgegebenen Lebens

Auf dem Weg zur Playa del Cabrito – dem einsamen Strand am Ende der Ruta 18 – passiert man ein Dorf, das nicht mehr im Reiseführer steht. Seima war einmal eine lebendige Gemeinschaft: 30 Familien, die hier Gerste, Weizen und Hülsenfrüchte anbauten, Ziegen hielten und Mehl in den Steinmühlen mahlten, deren Reste heute noch im Gras liegen. Heute: leere Häuser, Agaven, die durch die Bodenplatten wachsen, und eine Stille, die schwerer wiegt als Lärm.

Geisterdorf Seima auf La Gomera mit weitem Blick bis zum Teide.
Geisterdorf Seima auf La Gomera mit weitem Blick bis zum Teide.

Wer lebte in Seima?

Seima war kein Ausnahmeschicksal – es war das Schicksal vieler gomesischer Bergdörfer im 20. Jahrhundert. Die Insel hatte keine Industrie, keine wachsenden Dienstleistungssektoren, keine städtischen Strukturen, die Arbeit boten. Wer jünger war, zog in die Hauptstadt, nach Teneriffa, nach Gran Canaria, aufs Festland.

Brotofen im Ruinendorf Seima
Brotofen im Ruinendorf Seima

Die 30 Familien, die in Seima lebten, betrieben Subsistenzlandwirtschaft: Gerste und Weizen in den Terrassenfeldern (noch heute sichtbar oberhalb des Dorfes), Ziegen für Milch und Fleisch, Mühlsteine für das Mehl. Das war kein Elend – das war die Ökonomie der Steilhänge. Aber es war erschöpfend, und als die Möglichkeit zum Weggang entstand, nutzten viele sie.

Was heute noch steht

Wer durch Seima geht, liest das Dorf wie ein aufgeschlagenes Buch:

Die Mahlsteine

In den Ruinen liegen noch die Mühlsteine – runde, schwere Basaltscheiben, die zum Mahlen von Getreide verwendet wurden. Man dreht sie nicht mit Maschinen; man dreht sie mit Händen und Körpergewicht. Einer davon liegt wie abgestellt, als wäre der letzte Bewohner gerade erst weggegangen.

Ein alter Mahlstein in den Ruinen von Seima
Ein alter Mahlstein in den Ruinen von Seima

Die Dorfgassen

Die alten Gassen sind noch erkennbar – Steinplatten, zwischen denen Gras wächst. Eine Gasse mit geschlossenen Türen, die niemand mehr öffnet. Nicht Verfall im theatralischen Sinne – sondern Verfall als normaler Prozess, wenn Menschen weggehen und Dinge sich selbst überlassen werden.

Mauern umrahmen die alte Dorfgasse in Seima
Mauern umrahmen die alte Dorfgasse in Seima

Die Agaven

Agaven sind auf La Gomera Pioniervegetation – sie besiedeln verlassene Felder schneller als alles andere. In Seima haben sie die alten Terrassenfelder zurückerobert. Sie stehen dort in einer Reihe wie Wächter. Die Agaven fressen das Dorf langsam.

Agaven im verlassenen Ort Seima
Agaven im verlassenen Ort Seima

Seima und die Ruta 18

Seima erreicht man fast ausschließlich über die Ruta 18 zur Playa del Cabrito (7,9 km, 1.006 hm bergab, schwer/alpin). Die Route führt vom Parkplatz der GM-3 über den Grat zwischen den Schluchten Juan de Vera und Barranco de Chinguarime, Palmenhaine, verlassene Höfe, rotes Gestein, dann der Weiler Morales – und dahinter Seima.

Steinmauern vor den Ruinen von Seima im Ortsteil Morales
Steinmauern vor den Ruinen von Seima

Wer die Ruta 18 geht, passiert Morales und Seima nacheinander auf dem letzten Abschnitt vor der Playa del Cabrito. Der Abstieg ist lang und extrem steil und belastet durch die rund 1.000 Höhenmeter bergab vor allem Knie und Gelenke. Für Seima sollte man 20–30 Minuten einplanen, um langsam durch die Ruinen zu gehen.

Praktische Hinweise

Die Ruta 18 ist kein gewöhnlicher Spaziergang zur Küste. Nach dem Abstieg zur Playa del Cabrito gibt es weder eine Autostraße noch eine öffentliche Verkehrsanbindung. Wer den mehr als 1.000 Höhenmeter umfassenden Rückweg nicht wieder zu Fuß gehen möchte, sollte unbedingt vorab einen Rücktransport organisieren, beispielsweise einen Bootstransfer nach San Sebastián.

Ruta 18 zur Playa del Cabrito auf La Gomera, Wanderweg durch wilde Schluchten.
Ruta 18 zur Playa del Cabrito auf La Gomera, Wanderweg durch wilde Schluchten.

Die Playa del Cabrito und die dortige Anlage gehören zu einem privaten Ferien- bzw. Hotelbereich. Der Strand selbst ist frei zugänglich, die Infrastruktur vor Ort steht jedoch nicht wie bei einem öffentlichen Badeort zur freien Verfügung.

Auf der gesamten Strecke gibt es keine verlässliche Wasserquelle und keine Einkehrmöglichkeit. Ausreichend Trinkwasser ist deshalb Pflicht. Im oberen Abschnitt können die Grate und Nordhänge morgens noch angenehm kühl sein. Weiter unten, in den nach Süden ausgerichteten Hängen von Chinguarime und Juan de Vera, ist die Sonneneinstrahlung deutlich stärker.

Seima ist kein offiziell erschlossener Lost Place, deshalb ist Respekt vor den Ruinen geboten. Die alten Mauern, Häuserreste und insbesondere die verbliebenen Mühlsteine sind historische Zeugnisse der ehemaligen Siedlung. Bitte nichts mitnehmen, nichts umstellen und die Steine weder besteigen noch zu Fotomotiven oder Steinmännchen arrangieren. So bleibt die ursprüngliche Atmosphäre des verlassenen Ortes erhalten.

Häufige Fragen zu Seima und der Ruta 18

Ist Seima ein offizieller Besichtigungsort?

Nein. Seima ist ein verlassenes Dorf ohne touristische Infrastruktur, Eintritt oder Informationstafeln. Wer durch die Ruinen geht, sollte sich entsprechend respektvoll verhalten und nichts aus den alten Häusern oder von den historischen Mühlsteinen entfernen oder verändern.

Wie anstrengend ist die Ruta 18 zur Playa del Cabrito?

Sehr. Auf rund 7,9 km geht es etwa 1.000 Höhenmeter kontinuierlich bergab. Der steile Abstieg beansprucht besonders Knie und Gelenke. Dazu kommen Hitze, fehlende Wasserstellen und kaum Schatten im unteren Teil. Die Tour ist nur für konditionsstarke und trittsichere Wanderer geeignet.

Wie kommt man von der Playa del Cabrito wieder zurück?

Die Playa del Cabrito besitzt keine Straßenanbindung und keinen öffentlichen Busverkehr. Wer nicht den kompletten steilen Anstieg der Ruta 18 zurückgehen möchte, sollte einen Bootstransfer bereits vor der Wanderung organisieren. Eine spontane Rückfahrt ist nicht garantiert.

Kann man Seima mit dem Mietwagen erreichen?

Nein. Seima ist nicht mit dem Auto erreichbar. Der verlassene Weiler liegt an der Ruta 18 zur Playa del Cabrito und wird ausschließlich zu Fuß erreicht. Die Zufahrt mit dem Mietwagen endet deutlich oberhalb der Siedlung.

Gibt es unterwegs Wasser oder Einkehrmöglichkeiten?

Nein. Auf der gesamten Strecke von der alten GM-3 bis zur Playa del Cabrito gibt es keine verlässliche Wasserquelle und keine Einkehrmöglichkeit. Ausreichend Trinkwasser, Sonnenschutz und eine gute Tourenplanung sind deshalb unbedingt erforderlich.

Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com.

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