Die Guanchen: Ureinwohner La Gomeras – und was von ihnen geblieben ist

Vor der spanischen Conquista lebten auf La Gomera Menschen, die wir heute Guanchen nennen – eine Sammelbezeichnung für die Urbevölkerung aller Kanarischen Inseln. Auf La Gomera nannten sie sich selbst Gomeros. Sie lebten von Ziegen, Gerste, Fischerei und dem, was die Insel hergab. Sie hinterließen Petroglyphen in den Felsen, Keramik aus reinem Ton ohne Töpferscheibe – und eine Terrassenlandschaft, die heute noch das Gesicht der Insel prägt.

Statue des Hautacuperche am Strand von La Puntilla
Statue des Hautacuperche am Strand von La Puntilla

Mit der spanischen Conquista im 15. Jahrhundert verloren die Guanchen ihre Insel. Was blieb: genetische Spuren in der heutigen Bevölkerung, archäologische Funde in Museen, Ortsnamen, die man spricht ohne zu wissen, dass sie Guanchen-Wörter sind – und eine Keramiktradition, die in El Cercado bis heute lebendig ist.

Wer waren die Guanchen?

Die genaue Herkunft der Guanchen ist bis heute wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Die derzeit wahrscheinlichste Theorie besagt, dass sie aus Nordafrika kamen, genauer aus der berberischen Bevölkerung des heutigen Marokkos oder Algeriens, und die Kanaren vor etwa 2.000 Jahren besiedelten. Wie sie die Überfahrt bewältigten und wo genau ihr Ursprung liegt, ist Gegenstand der Forschung.

Auf La Gomera lebten die vorspanischen Bewohner in kleinen Gemeinschaften, die um Häuptlinge (Menceyatos) organisiert waren. Sie betrieben Terrassenlandwirtschaft an den Steilhängen und nutzten die natürlichen Ressourcen der Insel. Ihre Keramik wurde ohne Töpferscheibe und Glasur direkt aus Ton geformt und gebrannt.

Auch El Silbo Gomero geht auf diese vorspanische Tradition zurück. Mithilfe dieser Pfeifsprache war es möglich, sich über die tiefen Schluchten und großen Entfernungen der Insel zu verständigen. Nach der spanischen Eroberung wurde sie von der Bevölkerung weiter genutzt und bis heute bewahrt.

Der Aufstand von 1488

Die spanische Conquista La Gomeras begann im frühen 15. Jahrhundert und war ein schrittweiser Prozess – keine einzelne dramatische Niederlage, sondern Jahrzehnte der Unterwerfung, Verträge und Konflikte. Der Höhepunkt des Widerstands kam 1488: Nach der Ermordung des spanischen Herrschers Hernán Peraza des Jüngeren erhoben sich die Gomeros unter Führung von Hautacuperche in einem letzten großen Aufstand.

Die Gouverneurswitwe Beatriz de Bobadilla flüchtete in den Torre del Conde (erbaut 1447) und hielt den Turm, bis spanische Verstärkung eintraf. Der Aufstand wurde schließlich niedergeschlagen. Viele der überlebenden Guanchen wurden versklavt oder in die koloniale Gesellschaft eingegliedert.

Torre del Conde, San Sebastián de la Gomera: historischer Wehrturm im Stadtpark.
Torre del Conde, San Sebastián de la Gomera: historischer Wehrturm im Stadtpark.

An Hautacuperche erinnert heute eine Statue am Strand von La Puntilla im Valle Gran Rey. Der Torre del Conde steht ebenfalls noch – als ältestes erhaltenes weltliches Bauwerk der Insel und als einer der wenigen Orte La Gomeras, die unmittelbar mit den Ereignissen von 1488 verbunden sind.

Guanchen-Spuren auf La Gomera – wo man sie findet

Archäologisches Museum San Sebastián

Direkt neben der Iglesia de la Asunción in San Sebastián befindet sich das Archäologische Museum. Guanchen-Artefakte, Rekonstruktionen ihrer Lebensweise, Keramik und Werkzeuge. Der beste Einstieg für das Verständnis der vorspanischen Geschichte der Insel.

El Cercado: Lebendige Keramiktradition

In El Cercado – einem kleinen Bergdorf am Rand des Nationalparks – wird Keramik noch heute nach Guanchen-Tradition hergestellt: ohne Töpferscheibe, aus lokalem Ton, handgeformt. Die Technik ist über 2.000 Jahre alt. Man kann den Töpfern zusehen, Keramik kaufen, die direkte Nachfolge einer Praxis erleben, die die Guanchen eingeführt haben.

In El Cercado entsteht Keramik noch heute von Hand geformt, ganz ohne Töpferscheibe – ein Erbe der Guanchen.
In El Cercado entsteht Keramik noch heute von Hand geformt, ganz ohne Töpferscheibe – ein Erbe der Guanchen.

La Fortaleza de Chipude

Der Tafelberg La Fortaleza (1.231 m, Naturdenkmal) war ein Kultplatz der Guanchen – ein Ort der Versammlung und religiösen Praxis. Heute ist er ein anspruchsvolles Wanderziel: Der letzte Abschnitt des Aufstiegs ist klettertechnisch; Schwindelfrei und Trittsicherheit Pflicht. Vom Gipfel: Blick auf La Palma und El Hierro. Das Sunhikes-Magazin listet die Fortaleza als schwere Wanderung (2,6 km, 277 hm).

Ausblick über den Barranco del Erque zum Tafelberg Fortaleza de Chipude vom Mirador de Igualero
Ausblick über den Barranco del Erque zum Tafelberg Fortaleza de Chipude vom Mirador de Igualero

Ortsnamen guanchischen Ursprungs

Viele Ortsnamen auf La Gomera sind guanchischen Ursprungs: Taguluche, Arguamul, Chipude, Benchijigua, Imada. Sie klingen anders als spanische Namen – weil sie es sind. Eine stille, tägliche Erinnerung, dass vor Spanien jemand anderes hier war.

FAQ: Das Erbe der Guanchen auf La Gomera

Gibt es noch direkte Nachfahren der Guanchen?

Ja. Genetische Untersuchungen zeigen, dass die heutige Bevölkerung der Kanaren zu einem messbaren Teil von der vorspanischen Bevölkerung abstammt. Die Guanchen wurden also nicht vollständig verdrängt, sondern nach der Eroberung zunehmend assimiliert. Ihre Spuren sind bis heute in der Bevölkerung und im kulturellen Erbe der Inseln zu finden.

Was bedeutet das Wort „Guanche“?

„Guanche“ bezeichnet ursprünglich die vorspanische Bevölkerung Teneriffas und wird heute meist als Sammelbegriff für die Ureinwohner der Kanarischen Inseln verwendet. Auf den einzelnen Inseln gab es unterschiedliche Bezeichnungen. Für La Gomera wird häufig von den Gomeros gesprochen.

Warum gibt es so wenige schriftliche Quellen über die Guanchen?

Die vorspanische Bevölkerung der Kanaren verfügte über keine eigene Schriftsprache. Wissen, Geschichten und Traditionen wurden mündlich weitergegeben. Nach der Conquista hielten spanische Chronisten ihre Beobachtungen und Berichte fest – allerdings aus einer kolonialen Perspektive und oft erst Jahrzehnte nach den Ereignissen. Archäologische Funde helfen deshalb bis heute dabei, das Bild der vorspanischen Gesellschaft zu vervollständigen.

Was hat El Silbo Gomero mit den Guanchen zu tun?

El Silbo Gomero geht auf die vorspanische Bevölkerung La Gomeras zurück. Mit der Pfeifsprache konnten sich die Menschen über die tiefen Schluchten und großen Entfernungen der Insel verständigen. Nach der Conquista wurde diese besondere Form der Kommunikation von den Bewohnern weiter genutzt und bis heute bewahrt. Seit 2009 gehört El Silbo Gomero zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Wo kann man heute Spuren der Guanchen auf La Gomera entdecken?

Besonders eindrucksvoll sind das Archäologische Museum in San Sebastián, die Keramiktradition von El Cercado und die Fortaleza de Chipude, die als bedeutender ritueller Ort der vorspanischen Bevölkerung gilt. Auch zahlreiche Ortsnamen wie Taguluche, Arguamul und Benchijigua erinnern bis heute an die älteste Geschichte der Insel.

Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com.

Sunhikes.com