Flora und Fauna im Nationalpark Garajonay
Über 450 Gefäßpflanzenarten, mehr als 1.000 Tierarten, davon über 150 endemisch: Der Nationalpark Garajonay ist eines der artenreichsten Schutzgebiete Europas – und das auf einer Fläche von nur knapp 4.000 Hektar. Inzwischen sind im Nationalpark insgesamt mehr als 3.300 Arten bekannt. Besonders auffällig ist die hohe Zahl spezialisierter und endemischer Arten, vor allem bei den Wirbellosen. Der Nationalpark Garajonay ist eines der artenreichsten Schutzgebiete Europas – und das auf einer Fläche kleiner als die Stadt Mannheim. Was der Lorbeerwald an Biodiversität bietet, ist unverhältnismäßig reich für seine Größe.

Dieser Artikel führt durch die wichtigsten Arten: die Bäume, die den Wald definieren; die Vögel, die ihn bewohnen; die Reptilien, die auf seinen Felsen leben; und die weniger sichtbaren Bewohner, die den Wald am Laufen halten.
Überblick: Artenzahlen
| Bekannte Arten insgesamt | über 3.300 Arten |
|---|---|
| Tierarten | rund 1.000 bis 1.260 Arten |
| Pilze | über 700 Arten |
| Flechten | rund 500 Arten |
| Moose und andere Bryophyten | rund 250 Arten |
| Endemische Arten | zahlreiche Endemiten, besonders bei Wirbellosen |
| Vogelwelt | 28 Arten werden in der offiziellen Parkübersicht hervorgehoben |
| Besonderheit | außergewöhnlich hohe Endemiten-Dichte für Europa |


Die Pflanzenwelt
Die Hauptbaumarten des Lorbeerwaldes
Der Lorbeerwald des Garajonay besteht nicht nur aus einer Baumart. Rund 20 Baumarten prägen die verschiedenen Waldgesellschaften des kanarischen Monteverde. Zu den bekanntesten und charakteristischsten Arten gehören:
- Azorenlorbeer (Laurus novocanariensis) – häufigste Art; gibt dem Wald seinen Namen; aromatische Blätter.
- Stinkbaum / Til (Ocotea foetens) – bis 30 m; riecht nach Petroleum; Hauptkomponente des feuchten Lorbeerwaldes.
- Faya (Morella faya, früher Myrica faya) – eine typische Art des Fayal-Brezal und der trockeneren Übergangsbereiche; besiedelt auch offene und gestörte Standorte.
- Baumheide (Erica arborea) – bis 20 m auf La Gomera; weltweit größte bekannte Baumheiden dieser Art.
- Kanarenstechpalme (Ilex canariensis) – bis 10 m; Beeren wichtig für Vögel.
- Viñátigo (Persea indica) – Verwandter des Avocadobaums; würziger Geruch.
- Barbusano (Apollonias barbujana) – in trockeneren Randbereichen.

Baumfarne und Farne: Die Urzeit-Riesen
Besonders im Barranco del Cedro wächst der Baumfarn (Woodwardia radicans) – ein Farn, der keine Gattung mit Bäumen teilt, aber Wedel bis zu 3 m Länge ausbildet. In feuchten Schluchten bildet er echte „Urwald“-Kulissen: Wedel von Kopfhöhe über Kopfhöhe, das Licht vollständig abschirmend. An sonnigeren Hängen, auf Lichtungen und an lichteren Waldrändern des Nationalparks begegnen Wanderern hingegen häufig die ausgedehnten Bestände des robusten Adlerfarns (Pteridium aquilinum), der mit seinen hellen Farbtönen ganz andere Akzente in die Landschaft setzt.

Moose und Flechten
Die hohe Luftfeuchtigkeit im Nebelwald schafft ideale Bedingungen für Moose und Flechten. Im Nationalpark Garajonay gibt es rund 250 Arten von Moosen und anderen Bryophyten sowie etwa 500 Flechtenarten. Besonders auffällig sind die auf Stämmen und Ästen wachsenden Bartflechten und Moospolster. Sie verleihen dem Lorbeerwald sein geheimnisvolles Erscheinungsbild.

Endemische Pflanzen
Ca. 35 % der Gefäßpflanzen im Garajonay sind endemisch – kommen also nur auf den Kanarischen Inseln oder nur auf La Gomera vor. Besonders schützenswert: die Kanaren-Storchschnabel (Geranium reuteri) mit seiner Frühlingsblüte auf offenen Lichtungen, die Blaue Tajinaste (Echium acanthocarpum), der Palmen-Holunder (Sambucus palmensis) und die auf La Gomera vorkommende Unterart der Jara de los Roques (Cistus chinamadensis subsp. gomerae) und verschiedene Orchideenarten. Der Gelbe Zistrosenwürger (Cytinus hypocistis), eine parasitäre Pflanze ohne eigene Chlorophyll, wächst an Zistrosenarten.

Die Vogelwelt
Die zwei Lorbeertauben
Zwei Taubenarten sind eng mit dem Lorbeerwald verbunden und stehen für La Gomera wie kaum ein anderes Tier:
- Bolles Lorbeertaube (Columba bollii) – größer, dunklerer Bauch; bevorzugt den dichten Lorbeerwald in mittleren und oberen Lagen. Ihr Ruf ist ein tiefes, hohles „Hoo-hoo-hoo“. Häufiger als die Schwester-Art.
- Lorbeertaube (Columba junoniae) – Halsring aus rötlichem Gefieder; bevorzugt Waldränder und den Übergang zur Fayal-Brezal-Zone. Seltener; kommt auch auf Teneriffa und La Palma vor.
Beide gehören zu den endemischen Lorbeertauben der Kanarischen Inseln und sind eng mit den verbliebenen Lorbeerwäldern der westlichen Inseln verbunden. Wer sie sehen will: früh morgens, in der Nähe von Fruchtbäumen (Faya, Ilex), ruhig und wartend. Der Ruf ist leichter zu hören als der Vogel zu sehen.


Weitere charakteristische Vogelarten
- Buchfink (Fringilla canariensis canariensis) – Eine charakteristische Vogelart des Garajonay und seiner Wälder. Die kanarische Unterart ist etwas größer und kräftiger als der Europäische Buchfink.
- Kanarenpieper (Anthus berthelotii) – Kleiner Singvogel; auf offenen Flächen und Heidegebieten; häufig, aber unscheinbar.
- Felsenhuhn (Alectoris barbara) – Erdhuhn; auf felsigen, buschigen Hängen; oft in Gruppen; bei Wanderungen in der Nähe des Wanderwegs aufzustöbern.
- Mauersegler (Apus unicolor) – Kanarischer Mauersegler; Zugvogel; im Sommer häufig zu hören.

Reptilien und Amphibien
Kanareneidechsen
Auf La Gomera leben zwei Unterarten:
- Kleine Kanareneidechse (Gallotia caesaris gomerae): endemische Unterart; bis ca. 25 cm; auf offenen, sonnenexponierten Felspartien im und um den Nationalpark. Häufig auf Wanderwegen anzutreffen.
- Gomera-Rieseneidechse (Gallotia bravoana) – Diese spektakuläre und extrem seltene Rieseneidechse ist ein reiner Endemit der Insel La Gomera. Sie galt lange als ausgestorben und wurde erst im Jahr 2000 in einer unzugänglichen Felswand im Westen der Insel wiederentdeckt. Da die Tiere streng geschützt sind und in freier Wildbahn nur in winzigen, geheimen Populationen (sowie in einer geschützten Nachzuchtstation) überleben, wird man sie als Wanderer außerhalb des Nationalparks so gut wie nie zu Gesicht bekommen.

Kanarenskink und Laubfrosch
- Kanarenskink – lebt meist verborgen unter Steinen und in der Laubschicht und ist deutlich schwerer zu entdecken als die Eidechsen.
- Mittelmeer-Laubfrosch (Hyla meridionalis) – der einzige Frosch La Gomeras; laut rufend nach Regen und in der Dämmerung; häufig im Barranco del Cedro zu hören.

Insekten, Wirbellose und Pilze
Die unsichtbarste, aber artenreichste Gruppe: Über 90 % der endemischen Tierarten La Gomeras sind Wirbellose – Käfer, Spinnen, Wanzen, Schmetterlinge.
- Kanarischer Admiral (Vanessa vulcania) – eine endemische Schmetterlingsart der Makaronesischen Inselwelt, die auch in feuchten Bereichen des Garajonay vorkommt.
- Kanaren-Zitronenfalter (Gonepteryx cleobule): Eine prächtige, strahlend orange-gelbe Zitronenfalterart, die eng mit dem Lorbeerwald verbunden ist.
- Über 1.500 Pilzarten – die Pilzflora ist wissenschaftlich noch nicht vollständig erfasst; feuchte Schluchten nach Regen sind die besten Beobachtungsorte.

Beste Beobachtungszeiten
| Artengruppe | Beste Zeit | Wo |
| Lorbeertauben | Früh morgens | Barranco del Cedro |
| Buchfink | Tagsüber | Ermita de Lourdes, La Laguna Grande |
| Kanareneidechse | Sonnenreiche Stunden | Felsige und offene Bereiche im Nationalpark und an seinen Rändern |
| Laubfrosch (rufend) | Abends, nach Regen | Barranco del Cedro |
| Baumfarne | Ganzjährig | Barranco del Cedro, Hermigua-Aufstieg |
| Orchideen | März – Mai | Waldlichtungen, Wegränder |

FAQ – Häufig gestellte Fragen zu Flora und Fauna im Nationalpark Garajonay
Gibt es giftige Tiere im Nationalpark Garajonay?
Kann man die Lorbeertaube immer sehen?
Was ist die seltenste Pflanze im Nationalpark?
Kann man den Nationalpark Garajonay auf eigene Faust erkunden oder braucht man einen Guide?
Wie verhält man sich im Nationalpark richtig, um die empfindliche Natur zu schützen?
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com.


