Salto del Pastor: Der Sprung des Hirten – eine Technik, die La Gomeras Steilhänge bezähmt hat
Auf La Gomera gibt es keine ebenen Wege. Die Insel ist eine Ansammlung von Steilhängen, tiefen Barrancos und Felskanten, die Menschen seit Jahrtausenden überwinden mussten. Die Guanchen – die Urbevölkerung – entwickelten dafür eine Technik, die bis heute praktiziert wird: den Salto del Pastor – den Sprung des Hirten.

Ein langer, stabiler Stock. Ein steiler Hang. Und eine Bewegung, die halb Sprung, halb kontrollierter Fall ist. Wer es nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt kaum, welche Abstürze ein geübter Gomero mit einem Stock überbrücken kann.
Was ist der Salto del Pastor?
Der Salto del Pastor ist eine traditionelle Bewegungstechnik La Gomeras, bei der ein langer Stock – Astia genannt – zum Überwinden steiler, felsiger Hänge eingesetzt wird. Die Technik ist im Sunhikes-Reiseführer explizit erwähnt: „Sprung des Hirten mit langen Stöcken für steile Hänge.“
Der Ablauf in der Grundform:
1. Anlauf an der Abbruchkante oder dem Steilhang.
2. Stock einstechen – tief und fest in den Fels oder Boden.
3. Körpergewicht auf den Stock – der Stock wird zur Achse des Sprungs.
4. Bogen über die Kante – der Körper schwingt am Stock entlang.
5. Landung – auf dem unteren Hang, balanciert und kontrolliert.
In der Praxis: Diese Bewegung kann Felsstufen von mehreren Metern Höhe überwinden, die ohne Stock unpassierbar oder lebensgefährlich wären. Ein erfahrener Gomero bewegt sich auf Steilhängen mit Astia schneller als jeder Wanderer ohne.
Die Astia: Der Stock als Werkzeug
Die Astia – auch „Garrote“ genannt – ist kein gewöhnlicher Wanderstock. Sie ist länger (bis zu 2,5 m), schwerer, und an der Spitze oft mit einem Eisenbeschlag versehen, der im Fels Halt gibt. Traditionell aus einheimischem Holz gefertigt – Lorbeer, Kanarische Kiefer, Wacholder.
Die Astia ist auch Werkzeug der Hirten beim Treiben von Ziegen über steile Hänge: ein leichter Schlag auf den Boden vor der Herde, und die Tiere wissen, wohin sie gehen sollen. Stock und Sprung sind untrennbar verbunden mit der Ziegenhaltung La Gomeras, die auf den Steilhängen ein uraltes System der Landnutzung darstellt.
Geschichte: Von den Guanchen bis heute
Die Guanchen praktizierten den Salto del Pastor als praktisches Werkzeug – nicht als Sport, sondern als tägliche Notwendigkeit. Hirten, die Ziegen auf steile Hänge treiben mussten; Bauern, die Terrassenfelder auf verschiedenen Höhenlagen bewirtschafteten; Boten, die Nachrichten von Tal zu Tal trugen.
Nach der spanischen Conquista übernahmen die Siedler die Technik. Sie blieb auf La Gomera lebendig, weil die Topografie der Insel sie weiterhin notwendig machte. Flachere Inseln wie Lanzarote oder Fuerteventura hatten keinen Bedarf; auf La Gomera war die Astia unverzichtbar.
Heute: Der Salto del Pastor wird nicht mehr täglich praktiziert – aber er ist nicht vergessen. Seit einigen Jahren gibt es organisierte Wettkämpfe und Vorführungen, bei denen Gomeros die Technik zeigen und messen, wer am weitesten oder am elegantesten springt.
Wo man den Salto del Pastor heute sieht
Besucherzentrum Juego de Bolas
Das Besucherzentrum Juego de Bolas bei Agulo (+34 922 477 222; Mo–So 09:30–16:30 Uhr) zeigt in der ethnografischen Ausstellung Casa de la Memoria Alltagsgegenstände der alten Gomero-Kultur – darunter Astias und Erklärungen zum Salto del Pastor. Keine Live-Vorführung, aber guter Kontext.

Lokale Feste und Wettkämpfe
Der Salto del Pastor wird auf lokalen Fiestas vorgeführt – besonders auf den Patronatsfesten der Bergdörfer. San-Sebastián-Fiestakalender beim Touristenbüro erfragen (Plaza de las Américas, Tel. +34 922 141 512). Keine feste jährliche Veranstaltung, die verlässlich stattfindet – vor Ort nachfragen.
Auf den Steilwegen der Insel
Wer auf den alten Caminos Reales wandert – etwa der Route Guillama–Baja de los Roques oder dem Igualero–La-Rajita-Abstieg – begeht dieselben Wege, auf denen der Salto del Pastor einst täglich notwendig war. Man sieht die Steilheit; man versteht die Technik.

Salto del Pastor als immaterielles Kulturerbe
Der Salto del Pastor ist auf den Kanarischen Inseln als kulturelles Erbe geschützt und wird von traditionellen Gruppen, den sogenannten Jurrias, sowie von Kulturvereinen lebendig gehalten. Damit gehört er zu den überlieferten Traditionen, die eng mit der besonderen Landschaft und Geschichte der Inseln verbunden sind.
Auch El Silbo Gomero wird bis heute aktiv gepflegt und weitergegeben. Die Pfeifsprache wurde 1999 in den Schulunterricht auf La Gomera aufgenommen und 2009 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.
Während El Silbo damit fest im Bildungswesen verankert ist, wird der Salto del Pastor vor allem durch die Menschen erhalten, die ihn praktizieren, vorführen und an die nächste Generation weitergeben. Wettkämpfe, Vorführungen und traditionelle Veranstaltungen tragen dazu bei, dass die Technik nicht in Vergessenheit gerät.
FAQ: Salto del Pastor – die traditionelle Sprungtechnik La Gomeras
Kann man den Salto del Pastor als Tourist lernen?
Ist der Salto del Pastor gefährlich?
Wie lang ist eine typische Astia?
Was ist eine Jurria?
Woher stammt der Salto del Pastor?
Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com.


