Der Lorbeerwald La Gomeras: Ein Relikt aus dem Tertiär

Vor 20 Millionen Jahren war Europa ein anderes: warm, feucht, bewaldet mit subtropischen Wäldern aus Lorbeerbäumen, Ficus-Arten und Palmen. Dann kamen die Eiszeiten – und dieser Wald verschwand fast vollständig. Fast.

Lorbeerwald im Nationalpark Garajonay, La Gomera.
Lorbeerwald im Nationalpark Garajonay, La Gomera.

Was ist Laurisilva?

Auf den Kanarischen Inseln hatte er eine Zuflucht gefunden. Die Inseln lagen weit genug im Atlantik, waren warm genug und feucht genug, dass der Lorbeerwald (Laurisilva) überleben konnte. Was man heute im Nationalpark Garajonay betritt, ist kein gewöhnlicher Wald – es ist ein lebendiges Fossil, ein Ausschnitt der Vegetation, die einst Europa bedeckte.

„Laurisilva“ kommt vom lateinischen laurus (Lorbeer) und silva (Wald). Der Begriff bezeichnet einen immergrünen subtropischen Wald, der von Lorbeergewächsen dominiert wird. Laurisilva-Wälder existieren heute noch auf den Kanarischen Inseln, Madeira, den Azoren und den Kapverden – dem sogenannten Makaronesien.

Der Nationalpark Garajonay beherbergt einen der bedeutendsten und am besten erhaltenen Lorbeerwälder der Welt – weshalb er als erstes Beispiel dieser Waldformation das UNESCO-Weltnaturerbe-Label erhielt (1986). Während der Lorbeerwald auf Madeira mit rund 15.000 Hektar flächenmäßig deutlich größer ist und als weltweit größter zusammenhängender Bestand dieser Waldformation gilt, zeichnet sich der Garajonay durch seinen besonders kompakten, gut erhaltenen und ökologisch vielfältigen Bestand aus.

Entstehung: Von der Tethys bis zur Eiszeit

Die Geschichte des Lorbeerwaldes reicht weit in das Tertiär zurück. Bereits im Oligozän vor rund 33 Millionen Jahren herrschte in Teilen Europas und Nordafrikas ein feucht-subtropisches Klima – ideal für immergrüne Wälder mit Lorbeergewächsen. Diese Waldgesellschaften waren während des Tertiärs über weite Teile des Mittelmeerraums und Nordafrikas verbreitet.

Ein lebendiges Fossil – Lorbeerwald im Nationalpark Garajonay
Ein lebendiges Fossil – Lorbeerwald im Nationalpark Garajonay

Mit den großen Klimaveränderungen gegen Ende des Tertiärs und dem Einsetzen der Eiszeiten im Pleistozän vor rund 2,6 Millionen Jahren wurde das Klima kälter und in vielen Regionen trockener. Der Lorbeerwald zog sich in klimatisch begünstigte Rückzugsräume zurück. Schließlich konnten sich größere Bestände vor allem auf den Inseln Makaronesiens halten, wo das ozeanische Klima und die Feuchtigkeit der Passatwinde günstige Bedingungen boten.

Auf La Gomera blieb er komplett erhalten. Hier gibt es heute noch eine geschlossene Lorbeerwald-Decke, die sich über 3.984 Hektar erstreckt und in ihrer Zusammensetzung dem tertiären Originalwald wahrscheinlich am nächsten kommt.

Die Baumschichten des Lorbeerwaldes

Ein ausgewachsener Laurisilva ist kein gleichförmiger Wald. Er hat mehrere Schichten, die unterschiedliche Arten und Lebensräume bilden:

Obere Kronenschicht (15–30 m)

Dominiert vom Stinkbaum / Til (Ocotea foetens) – mit bis zu 30 m einer der höchsten Lorbeerwaldbäume. Sein Holz riecht nach Petroleum; lokal heißt er „Til“. Daneben: Azorenlorbeer (Laurus novocanariensis) und Barbusano (Apollonias barbujana).

Der Til bildet gemeinsam mit anderen hochwüchsigen Arten die obere Kronenschicht der Laurisilva
Der Til bildet gemeinsam mit anderen hochwüchsigen Arten die obere Kronenschicht der Laurisilva

Mittlere Schicht (5–15 m)

Hier wächst die Baumheide (Erica arborea) – die weltweit größten Exemplare dieser Art stehen auf La Gomera und erreichen bis 20 m Höhe. Auch: Kanarenstechpalme (Ilex canariensis), Viñátigo (Persea indica) (entfernte Verwandte der Avocado) und Gagelbaum / Faya (Myrica faya).

Der Gagelbaum füllt das mittlere Stockwerk des Lorbeerwaldes mit dichtem, dunklem Grün.
Der Gagelbaum füllt das mittlere Stockwerk des Lorbeerwaldes mit dichtem, dunklem Grün.

Untere Schicht und Boden

Farne dominieren: Baumfarne (Woodwardia radicans, bis 3 m hoch!), gewöhnliche Farne, Moose und Lebermoose bedecken den Boden vollständig. Farne wachsen auch auf Bäumen, Felsen, Mauern – überall, wo Feuchtigkeit ist.

Farne bedecken den Waldboden des Lorbeerwaldes wie ein dichter, immergrüner Teppich.
Farne bedecken den Waldboden des Lorbeerwaldes wie ein dichter, immergrüner Teppich.

Besonders im Winter und Frühjahr kann man zwischen den Farnen und dem dunklen Grün des Waldes die Kanarische Glockenblume (Canarina canariensis) entdecken. Ihre großen, glockenförmigen orangefarbenen Blüten gehören zu den auffälligsten Blütenpflanzen der Laurisilva und sind ein besonders schönes Fotomotiv. Auf La Gomera ist sie allerdings deutlich seltener anzutreffen als auf den anderen Kanarischen Inseln, sodass ihre Entdeckung im Lorbeerwald besonders reizvoll ist.

Moose und Flechten: Das unsichtbare Wasserwerk

Ein Spaziergang durch den Lorbeerwald fühlt sich an, als würde man in eine andere Welt eintreten. Das liegt vor allem an einem: Moosen und Flechten, die jeden Ast, jeden Stein und jeden Baumstamm bedecken. Sie sind nicht nur optisch beeindruckend – sie sind funktional entscheidend.

die verdunstete Feuchtigkeit im Laurisilva wird von Moosen und Flechten absorbiert
die verdunstete Feuchtigkeit im Laurisilva wird von Moosen und Flechten absorbiert

Moose, Flechten und die dichte Vegetation fangen einen Teil der Feuchtigkeit aus den Passatwolken auf. Feine Wassertröpfchen schlagen sich auf Blättern, Ästen und Stämmen nieder und ergänzen den normalen Niederschlag. Diese Feuchtigkeit fließt dann die Stämme hinunter in den Boden und speist Quellen und Bachläufe. Der Garajonay-Lorbeerwald fungiert damit als riesiges Wasserreservoir – eine ökologische Funktion, die für die gesamte Insel lebensnotwendig ist.

Die langen, hängenden Flechten (vor allem Usnea-Arten, die „Bartflechten“) sind besonders auffällig. Ihr Vorkommen ist ein Zeichen für saubere Luft – Flechten reagieren extrem empfindlich auf Luftverschmutzung.

Das Klima des Lorbeerwaldes

Der Lorbeerwald auf La Gomera wächst in einem sehr spezifischen Klimabereich: 800–1.487 m Höhe, Jahresmitteltemperatur 13–15°C, 600–900 mm Niederschlag pro Jahr. Entscheidend ist nicht nur der Regen, sondern der Passatnebel – der sogenannte „Mar de Nubes“ (Wolkenmeer), das sich an den Nordhängen staut und den Wald ganzjährig mit Feuchtigkeit versorgt.

Interessant: Die Südseite des Nationalparks ist deutlich trockener als die Nordseite. Auf der Südseite wächst der Fayal-Brezal – eine Übergangsvegetation aus Gagelbaum und Baumheide, die weniger Feuchtigkeit braucht. Der klassische Nebelwald mit dichten Moosen findet sich hauptsächlich auf der Nordseite (El Cedro, Hermigua-Tal).

Der Passatnebel versorgt die Laurisilva im Nationalpark Garajonay ganzjährig mit Feuchtigkeit
Der Passatnebel versorgt die Laurisilva im Nationalpark Garajonay ganzjährig mit Feuchtigkeit

Tipp: Wandern bei Passatnebel

Bei dichtem Passatnebel kann die Sicht im Nationalpark Garajonay innerhalb kurzer Zeit stark eingeschränkt sein. Besonders auf den Hochflächen und an Wegkreuzungen kann man dann schnell die Orientierung verlieren. Deshalb sollte man auf den markierten Wegen bleiben und die Temperaturunterschiede zwischen den sonnigen Hängen und dem kühlen, feuchten Lorbeerwald nicht unterschätzen.

Bedrohungen und Schutz

Der Waldbrand 2012

Im August 2012 zerstörte ein Waldbrand ca. 20 % der Nationalpark-Fläche. Es war der schlimmste Brand in der Geschichte des Parks. Die Wiederherstellung hat Jahre gedauert; Teile des betroffenen Gebiets (u.a. entlang der Ruta 14) zeigen heute noch Spuren des Brandes – abgestorbene Baumstümpfe neben jungem Nachwuchs.

Der Brand war ein Schock, hat aber auch gezeigt, wie widerstandsfähig der Lorbeerwald ist. Innerhalb weniger Monate trieben die Faya-Bäume (Gagelbaum) als erste wieder aus – der Wald beginnt sich zu regenerieren, auch wenn es Jahrzehnte dauern wird, bis er wieder den Ausgangszustand erreicht hat.

Invasive Arten

Eine weniger sichtbare, aber langfristig gefährlichere Bedrohung: invasive Pflanzenarten wie der Eucalyptus, der Kiefern-Neuanflug und verschiedene eingeführte Sträucher. Der Nationalpark-Verwaltung betreibt aktives Invasive-Arten-Management, um den Originalbestand zu erhalten.

Silbo Gomero und die Landschaft La Gomeras

Die tiefe, zerklüftete Landschaft La Gomeras prägte auch eine besondere Form der Kommunikation: den Silbo Gomero, die traditionelle Pfeifsprache der Insel. Über die Täler und Schluchten konnten Nachrichten über große Entfernungen übermittelt werden. Der Silbo Gomero gehört bis heute zur kulturellen Identität La Gomeras und ist UNESCO-Kulturerbe.

Wo sieht man den schönsten Lorbeerwald?

GebietCharakterZugang
Barranco del CedroDichtester Nebelwald; Wasserfall; MoosparadiesRuta 9, 18; Ruta 9 – Contadero bis El Cedro: Moderate Tour durch die Schlucht, Ruta 18 – Die große Runde: Barranco del Cedro, El Contadero, Alto de Garajonay, El Cedro – Drei Routen durch das Herz des Lorbeerwalds
Cruce de PajaritoCharakteristischer Kamm-Lorbeerwald; FlechtenRuta 5, 16, 17, 18; Ruta 5 – Las Creces: Lorbeerwald und Kanarische Geranien, Ruta 16 – Pajarito-Ajugal: Leichte Tour entlang der Südhänge, Ruta 17 – Pajarito auf den Alto de Garajonay
La Laguna GrandeZugänglichster Lorbeerwald; gut beschildertRuta 3, 5, 6, 14; einfach erreichbar
Hermigua-AufstiegWilder, wenig besuchter BereichHermigua – Alto de Garajonay: Die große Runde, Hermigua – Mirador Morro de Agando – Hermigua (Runde), Hermigua → Alto de Garajonay → Pajarito (Strecke); Hermigua Start
Risquillo de CorgoRuhiger Westflügel; oft menschenleerRuta 10 + 12 – Cañada de Jorge und Risquillo de Corgo, Ruta 12 + 5 – Risquillo de Corgo und Las Creces kombiniert; Raso de la Bruma

Tipp für Fotografen

Um das berühmte Mar de Nubes zu fotografieren, sollte man nicht nur den Lorbeerwald selbst erkunden. Je nach Wetterlage bieten der Mirador de Igualero und der Mirador de los Roques besonders schöne Ausblicke über das Wolkenmeer. Wenn sich der Passatnebel unterhalb der Höhenzüge staut, entstehen dort eindrucksvolle Panoramabilder.

Farne und Moos überziehen jeden Stamm im dichten Blätterdach des Garajonay.
Farne und Moos überziehen jeden Stamm im dichten Blätterdach des Garajonay.

FAQ – Häufig gestellte Fragen zum Lorbeerwald La Gomeras

Ist der Lorbeerwald ganzjährig grün?

Ja. Der Lorbeerwald ist immergrün – er verliert seine Blätter nicht im Winter. Das Grün ist im Winter sogar intensiver, weil die Moose mehr Feuchtigkeit aufnehmen und leuchtend grün werden. Die schönste Zeit für Lorbeerwald-Fotos ist nach Regen.

Darf man Pflanzen und Pilze im Nationalpark sammeln?

Nein – weder Pflanzen noch Pilze, Flechten oder Moose dürfen entnommen werden. Das gilt für den gesamten Nationalpark. Wer Pilze oder Kräuter sucht, findet Angebote außerhalb des Parks.

Warum riecht der Wald so besonders?

Der charakteristische Duft des Lorbeerwaldes kommt von mehreren Quellen: dem aromatischen Harz des Azorenlorbeer, den ätherischen Ölen der Baumheide und dem erdigen Geruch der feuchten Moose. Dazu kommt nach Regen ein fast meditativer Waldduft, der durch die feuchtwarme Luft verstärkt wird.

Warum ist der Lorbeerwald auf La Gomera so feucht?

Die feuchten Nordostpassate transportieren Wolken und Nebel gegen die Berglandschaft La Gomeras. Dort kondensiert die Feuchtigkeit an Blättern, Ästen, Moosen und Flechten und ergänzt den normalen Regen. Dieses Zusammenspiel aus Niederschlag und Passatnebel schafft die Bedingungen, unter denen die Laurisilva dauerhaft gedeihen kann.

Kann man den Lorbeerwald auch bei schlechtem Wetter besuchen?

Ja – gerade bei Nebel, leichtem Regen und feuchter Luft zeigt der Lorbeerwald seine besonders ursprüngliche Atmosphäre. Allerdings kann die Sicht schnell eingeschränkt sein und Wege können rutschig werden. Bei dichtem Passatnebel sollte man deshalb unbedingt auf den markierten Wegen bleiben und auf eine geeignete Wanderkleidung achten.

Dieser Artikel basiert auf dem Vor-Ort-Wissen des Gequo-Redaktionsteams – Herausgeber der Reisezeit-Wanderführer und Betreiber von Sunhikes.com.

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